IBAM an der Uni Witten/Herdecke

Integriertes Begleitstudium Anthroposophische Medizin

PJ-Ausbildungsstation

PJ-Ausbildungsstation

Die PJ Ausbildungsstation der Universität Witten/Herdecke am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke wurde entwickelt und wird durchgeführt vom Integrierten Begleitstudium Anthroposophische Medizin.

Die Ausbildungsstation verbindet zwei Ziele: eine praxisnahe Ausbildung von Medizinstudierenden und eine gute Patientenversorgung. Die Studierenden sind dabei möglichst eigenständig für die Behandlung der Patienten und die damit verbundene Stationsarbeit zuständig. Supervidiert werden sie von Ärzten, die Lehrvisiten durchführen, unterrichten, die Tätigkeit der Studierenden korrigieren und die ärztliche Verantwortung für die Behandlung der Patienten übernehmen.

Die Idee der Ausbildungsstation beruht darauf, dass Studierende vieles mitbringen, wovon die Patienten profitieren können: Engagement, Interesse, Zeit, Enthusiasmus, Wissen uvm. In der ärztlich unterstützten Betreuung der Patienten können wiederum die Studierende vieles lernen, was ihnen kein Buch, keine Vorlesung und keine Simulation bieten kann: das Erfassen der Notsituation eines realen Patienten, die Entwicklung einer ärztlichen Grundhaltung in Auseinandersetzung mit einem Patientenschicksal, die Bewältigung von organisatorischen Aufgaben im Stationsalltag, Zeitmanagement, die Kommunikation mit Pflegenden, Therapeuten, ärztlichen Kollegen sowie Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Besonders ist nicht nur die Lernform, sondern auch der Inhalt des Lernens und Praktizierens: Es geht um eine Integrative Medizin, bei der die Schulmedizin um Komplementärmedizin erweitert wird. Im Fall der Ausbildungsstation besteht die Erweiterung in der Anthroposophischen Medizin, die insbesondere auf die Wahrnehmung und Unterstützung der geistigen Individualität in ihrer Auseinandersetzung mit der Erkrankung abzielt. Grundlage bildet ein Leib, Seele und Geist berücksichtigendes medizinisches Menschenbild.

 

Veröffentlichungen und Berichte zur Ausbildungsstation finden Sie unter diesen Links:

GMS - Zeitschrift für Medizinische Ausbildung

viamedici

https://www.hindawi.com/journals/ecam/2013/743832/

NRW-Lehrpreis 2015

Medizinstudierende im praktischen Jahr (PJ) lernen eigenständiges Arbeiten und reflektieren ihre Behandlungsmethoden

Die Ausbildungsstation der Universität Witten/Herdecke im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ist mit dem NRW-Lehrpreis 2015 ausgezeichnet worden. Beim landesweiten Treffen der medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen am Freitag, den 13.11.2015, wurde der mit 5.000 Euro dotierte Preis gleich zwei Mal vergeben: Die aus Medizinstudierenden verschiedener Universitäten bestehende Jury verlieh ihn drei Studierenden der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für ein rein studentisch geleitetes Sonographie-Projekt und eben der Universität Witten/Herdecke.

Deren Ausbildungsstation in der internistischen Abteilung des Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke verbindet zwei Ziele: eine praxisnahe Ausbildung von Medizinstudierenden und eine gute Patientenversorgung. Die Studierenden sind dabei möglichst eigenständig für die Behandlung der Patienten und die damit verbundene Stationsarbeit zuständig. Supervidiert werden sie von Ärzten, die Lehrvisiten durchführen, unterrichten, die Tätigkeit der Studierenden korrigieren und die ärztliche Verantwortung für die Behandlung der Patienten übernehmen.

Die Idee der Ausbildungsstation beruht darauf, dass Studierende vieles mitbringen, wovon die Patienten profitieren können: Engagement, Interesse, Zeit, Enthusiasmus, Wissen uvm. In der ärztlich unterstützten Betreuung der Patienten können wiederum die Studierenden vieles lernen, was ihnen kein Buch, keine Vorlesung und keine Simulation bieten kann: das Erfassen der Notsituation eines realen Patienten, die Entwicklung einer ärztlichen Grundhaltung in Auseinandersetzung mit einem Patientenschicksal, die Bewältigung von organisatorischen Aufgaben im Stationsalltag, Zeitmanagement, die Kommunikation mit Pflegenden, Therapeuten, ärztlichen Kollegen sowie Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Die dabei auftretenden persönlichen, kommunikativen, und moralischen Fragestellungen werden in begleitenden Reflexionsgruppen unter der Leitung einer Ärztin für Psychosomatik bearbeitet und individuelle realitätstaugliche Handlungsoptionen entwickelt.

Mit dieser Kombination aus begleiteter, verantwortlicher Praxis und Reflexion sollen die Studierenden besser auf ihre Tätigkeit vorbereitet werden. Das Konzept stammt von der Arbeitsgruppe des Integrierten Begleitstudiums Anthroposophische Medizin und wurde gemeinsam mit Studierenden entwickelt. In der begleitenden wissenschaftlichen Evaluation konnte gezeigt werden, dass die Ausbildungsstation nicht nur von Studierenden sondern auch von den Patienten positiv erfahren wird, insbesondere in Bezug auf eine empathische und Patientenzentrierte Kommunikation. Aufgrund des Erfolges wurde das Konzept mittlerweile auch in der Neurologie und in der Kinderheilkunde umgesetzt, in der Chirurgie ist eine Ausbildungsstation im Aufbau.

Weitere Informationen bei Dr. med. Christian Scheffer, 02330-623468, christian.scheffer@uni-wh.de und unter www.ausbildungsstation.de

Warum eine ASIM?

Das deutsche Medizinstudium leidet an einem fehlenden Praxisbezug. So sieht es zumindest die Mehrzahl der Absolventen deutscher Hochschulen. Bei einer Umfrage des Gütersloher Zentrums für Hochschulentwicklung (www.che.de/downloads/AP57_Anhang_213.pdf) gaben sie ihrem Medizinstudium in Bezug auf die Ausbildung "klinisch-praktischer Fähigkeiten" die "Schulnote" 4,4 (!). Viele Studienabbrecher geben als Hauptgrund für den Abbruch ihres Medizinstudiums an, dass ihnen der Praxisbezug fehle. Auch das Praktische Jahr, in dem die Studierenden vor Ende ihres Studiums Praxistauglichkeit erwerben sollen, wird von vielen Studierenden kritisch gesehen (www.thieme.de/viamedici/index.html). Nach regelmäßigen Umfragen von Via Medici fühlen sich viele als billige Arbeitskraft missbraucht, ungenügend auf die beruflichen Aufgaben vorbereitet und durch das PJ in ihrer Motivation für den ärztlichen Beruf verunsichert.

In der Ausbildungsstation werden Lehre und Patientenversorgung nicht miteinander in Konkurrenz gebracht, sondern unterstützen sich gegenseitig. Die Studierenden übernehmen – entsprechend ihren Möglichkeiten - sämtliche Aufgaben des Stationsarztes. Dieser hat damit Zeit, sich um die Anleitung und Supervision der jungen Kollegen zu kümmern. Der Unterricht auf der Ausbildungsstation findet fallbezogen statt: Anhand der Fragen zu ihren Patienten diskutieren die Studierenden Befunde wie EKG, Röntgenbilder usw. mit Fachärzten. Sie lernen an den Fragen der Praxis und nutzen die gewonnenen Erkenntnisse zugleich für die Betreuung ihrer Patienten.

Lernen & Arbeiten auf der ASIM

Auf der Ausbildungsstation betreuen drei bis vier Medizinstudierende im Praktischen Jahr (letztes Jahr im Studium) bis zu zehn Patienten einer allgemeinen internistischen Station im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Die Studierenden sind dabei so weit wie möglich selbständig tätig: Von der Aufnahme der Patienten über die Visite bis zum Entlassungsbrief. Jeder aufgenommene Patient wird am selben Tag mit einem Lehrarzt besprochen, gemeinsam wird das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen geplant. Zudem finden wöchentlich Lehrvisiten statt. Die Studenten nehmen an den Stationsbesprechungen der Pflegenden teil und gestalten die Therapiebesprechungen mit den Therapeuten mit.

Themenbezogener Unterricht zu den aktuellen klinischen Fragestellungen und den behandelten Patienten findet täglich statt. Praktische Fertigkeiten wie venöse und arterielle Blutentnahmen, Sonographie, Aszites- und Pleurapunktionen werden je nach Fähigkeit und Schwierigkeitsgrad eigenständig oder angeleitet unter Supervision durchgeführt. Klinische "Mini"-Prüfungen (der sogenannte Mini-C-EX: "Mini Clinical Evaluation Exercise") machen den jeweiligen Lernbedarf ansichtig und unterstützen das kontinuierliche Lernen.

Anthroposophische Medizin in dieser Phase der Ausbildung bedeutet, neben der Weiterentwicklung bereits angelegter therapeutischer Fähigkeiten die biographische Dimension einer Erkrankung zu erfassen und in der Behandlung zu berücksichtigen.  Äußere Anwendungen, rhythmische Massage, künstlerische Therapien, Heileurythmie sowie anthroposophische und naturheilkundliche Heilmittel erweitern die Schulmedizin. Aufbauend auf den bereits im Begleitstudium erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten lernen die Studierenden unter Supervision, wie integrative Medizin in der Praxis verwirklicht werden kann. Die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Verfahren werden konkret erfahrbar. Zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und zur Reflexion der Interaktionen mit den Patienten wurde auf Wunsch der Studierenden eine zweiwöchentliche Fallsupervision eingeführt, ähnlich einer Balintgruppe.

Lernen durch Verantwortung

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts stellten Lave und Wenger ein neues Konzept des Lernens vor, das sie „legitimierte periphere Partizipation“ nannten. Sie beschreiben damit, dass berufliches Lernen vor allem dadurch funktioniert, dass die Auszubildenden in der Gemeinschaft der Praktizierenden eine (legitimierte) Aufgabe übernehmen und im Rahmen der beruflichen Weiterentwicklung zunehmend von der Peripherie in das Zentrum der Verantwortlichkeit wandern. Typische Charakteristika dieses Lernkonzeptes sind die aktive Tätigkeit des Lernenden (im Gegensatz zum passiven Beobachten), die Authentizität der Aufgaben (im Gegensatz zu ausgedachten Aufgaben) und der reale soziale Kontext (im Unterschied z.B. zum Hörsaal und zu simulierten Lehrsituationen).

Die Ausbildungsstation gehört zum Begleitstudium Anthroposophische Medizin, in dem auf Basis der Anthroposophie didaktische Ansätze realisiert werden. Die Ausbildung zum Arzt wird an der Entwicklung des lernenden Individuums (Studenten zentriertes Lernen) ausgerichtet. Konkret bedeutet dies, dass die Studierenden von Anfang an mit der Praxis der Patientenversorgung (Patienten zentriertes Lernen) konfrontiert werden. Daran entzünden sich Fragen, und in der Suche nach Lösungen für die sich stellenden Probleme und Aufgaben entwickeln sich ärztliche Kompetenzen. Supervision, Anleitung und Beurteilungen durch die Lehrenden unterstützen die Studierenden in der Einschätzung ihres Lernbedarfes und Lernerfolges. Ohne die Praxis und die damit verbundenen Aufgaben fehlen den Studierenden der konkrete Lernbezug und die Lernmotivation. Lernen realisiert sich dann meist nur über Prüfungen und äußeren Druck.

Klinisches Praktikum mit dem Studierenden als Mitarbeiter.
Der Studierende ist in das therapeutische Team integriert und übernimmt eigenständig Aufgaben. Er wird dabei vom Arzt begleitet und supervidiert. Der Studierende ist aktiv tätig und trägt zum Behandlungserfolg bei. Der Unterricht ergibt sich aus den Fragen der Patientenbetreuung und ist Teil der ärztlichen Supervision.

Behandlungsqualität aus Patientensicht

In der Pilotphase (je 16 Wochen im Herbst 2007 und 2008) wurden auf der Ausbildungsstation 127 Patienten mit allgemein internistischen Krankheitsbildern behandelt. Von 111 befragten Patienten beantworteten 66 den zugesandten Fragebogen. Fast 80% der Patienten haben den Eindruck, dass sich die Integration der Studierenden in das therapeutische Team positiv auf ihre Behandlung ausgewirkt hat. Insbesondere die Kommunikation mit dem ärztlichen Team wurde als sehr gut charakterisiert. Die Problemhäufigkeit im Arzt-Patientenverhältnisses auf der Ausbildungsstation lag in vier von sechs Aspekten signifikant unter den Vergleichszahlen bundesweiter internistischer Stationen.

Ca. 80% der Patienten bewerten die Mitbetreuung durch die Studierenden als teilweise oder sehr positiv.

Mehr dazu finden Sie im Bereich Forschung.

Das Team des Begleitstudium Anthroposophische Medizin hat die Ausbildungsstation entwickelt (von links): PD Dr. med. Friedrich Edelhäuser, Diethard Tauschel, PD Dr. rer.nat. Dirk Cysarz, Dr. med. MME Christian Scheffer