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Didaktisches Konzept AS

Im Nachfolgenden wird erklärt, woher die Idee der Ausbildungsstation kommt, auf welche hochschuldidaktischen Methoden sie sich stützt, wo der Studierende im Vergleich zu einem normalen PJ sich im Team und in seiner Beziehung zum Patienten befindet und auch die Ziele, die mit dem Konzept verbunden sind und wie die Supervision aussieht, werden erläutert. So bekommen Sie tiefe Einblicke in die Vorzüge dieses hochschuldidaktischen Konzepts und was genau es ist, was die Ausbildungsstation ausmacht.

Hintergrund

Das deutsche Medizinstudium leidet an einem fehlenden Praxisbezug. So sieht es zumindest die Mehrzahl der Absolventen deutscher Hochschulen. Bei einer Umfrage des Gütersloher Zentrums für Hochschulentwicklung gaben sie ihrem Medizinstudium in Bezug auf die Ausbildung "klinisch-praktischer Fähigkeiten" die "Schulnote" 4,4 (!). Viele Studienabbrecher geben als Hauptgrund für den Abbruch ihres Medizinstudiums an, dass ihnen der Praxisbezug fehle. Auch das Praktische Jahr, in dem die Studierenden vor Ende ihres Studiums Praxistauglichkeit erwerben sollen, wird von vielen Studierenden kritisch gesehen (hier lesen Sie mehr dazu). Nach regelmäßigen Umfragen von Via Medici fühlen sich viele als billige Arbeitskraft missbraucht, ungenügend auf die beruflichen Aufgaben vorbereitet und durch das PJ in ihrer Motivation für den ärztlichen Beruf verunsichert.

Ziele

Die Ausbildungsstation verbindet zwei Ziele: eine praxisnahe Ausbildung von Medizinstudierenden und eine gute Patientenversorgung. Die Studierenden sind dabei möglichst eigenständig für die Behandlung der Patienten und die damit verbundene Stationsarbeit zuständig. 

Lernen durch Verantwortung

Abbildung 1. Konventionelles PJ-Tertial Abbildung 1. Konventionelles PJ-Tertial
Abbildung 1. Konventionelles PJ-Tertial
Abbildung 2. PJ-Tertial auf der AS im GKH Abbildung 2. PJ-Tertial auf der AS im GKH
Abbildung 2. PJ-Tertial auf der AS im GKH

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts stellten Lave und Wenger ein neues Konzept des Lernens vor, das sie „legitimierte periphere Partizipation“ nannten. Sie beschreiben damit, dass berufliches Lernen vor allem dadurch funktioniert, dass die Auszubildenden in der Gemeinschaft der Praktizierenden eine (legitimierte) Aufgabe übernehmen und im Rahmen der beruflichen Weiterentwicklung zunehmend von der Peripherie in das Zentrum der Verantwortlichkeit wandern. Typische Charakteristika dieses Lernkonzeptes sind die aktive Tätigkeit des Lernenden (im Gegensatz zum passiven Beobachten), die Authentizität der Aufgaben (im Gegensatz zu ausgedachten Aufgaben) und der reale soziale Kontext (im Unterschied z.B. zum Hörsaal und zu simulierten Lehrsituationen). In Abbildung 1 und 2 sind die Unterschiede zwischen beiden Konzepten des Lernens schematisch dargestellt.

Die Ausbildungsstation gehört zum Begleitstudium Anthroposophische Medizin, in dem auf Basis der Anthroposophie didaktische Ansätze realisiert werden. Die Ausbildung zum Arzt wird an der Entwicklung des lernenden Individuums (Studenten zentriertes Lernen) ausgerichtet. Konkret bedeutet dies, dass die Studierenden von Anfang an mit der Praxis der Patientenversorgung (Patienten zentriertes Lernen) konfrontiert werden. Daran entzünden sich Fragen, und in der Suche nach Lösungen für die sich stellenden Probleme und Aufgaben entwickeln sich ärztliche Kompetenzen. Supervision, Anleitung und Beurteilungen durch die Lehrenden unterstützen die Studierenden in der Einschätzung ihres Lernbedarfes und Lernerfolges. Ohne die Praxis und die damit verbundenen Aufgaben fehlen den Studierenden der konkrete Lernbezug und die Lernmotivation. Lernen realisiert sich dann meist nur über Prüfungen und äußeren Druck. 

In der Ausbildungsstation werden Lehre und Patientenversorgung nicht miteinander in Konkurrenz gebracht, sondern unterstützen sich gegenseitig. Die Studierenden übernehmen – entsprechend ihren Möglichkeiten - sämtliche Aufgaben des Stationsarztes. Dieser hat damit Zeit, sich um die Anleitung und Supervision der jungen Kollegen zu kümmern.

Supervision

Auf der Ausbildungsstation betreuen drei bis vier Medizinstudierende im Praktischen Jahr (letztes Jahr im Studium) bis zu zehn Patienten einer allgemeinen internistischen Station im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Auf anderen Ausbildungsstationen sind es weniger Studierende (meist eins bis drei), sodass sich die Zahl der von den Studierenden behandelten Patienten verringert.

Die Studierenden sind dabei so weit wie möglich selbstständig tätig: Von der Aufnahme der Patienten über die Visite bis zum Entlassungsbrief. Jeder aufgenommene Patient wird am selben Tag mit einem Lehrarzt besprochen, gemeinsam wird das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen geplant. Zudem finden wöchentlich Lehrvisiten statt. Die Studenten nehmen an den Stationsbesprechungen der Pflegenden teil und gestalten die Therapiebesprechungen mit den Therapeuten mit. Supervidiert werden sie von Ärzten, die Lehrvisiten durchführen, unterrichten, die Tätigkeit der Studierenden korrigieren und die ärztliche Verantwortung für die Behandlung der Patienten übernehmen.

Integrative Medizin

Die Lernform ist in dieser Art einmalig in Deutschland. Besonders ist nicht nur die Lernform, sondern auch der Inhalt des Lernens und Praktizierens: Es geht um eine Integrative Medizin, bei der die Schulmedizin um Komplementärmedizin erweitert wird. Im Fall der Ausbildungsstation (AS) -vor allem auf der AS Innere Medizin sowie Kinder- und Jugendmedizin- besteht die Erweiterung in der Anthroposophischen Medizin, die insbesondere auf die Wahrnehmung und Unterstützung der geistigen Individualität in ihrer Auseinandersetzung mit der Erkrankung abzielt.

Grundlage bildet ein Leib, Seele und Geist berücksichtigendes medizinisches Menschenbild. Anthroposophische Medizin in dieser Phase der Ausbildung bedeutet, neben der Weiterentwicklung bereits angelegter therapeutischer Fähigkeiten die biographische Dimension einer Erkrankung zu erfassen und in der Behandlung zu berücksichtigen.  Äußere Anwendungen, rhythmische Massage, künstlerische Therapien, Heileurythmie sowie anthroposophische und naturheilkundliche Heilmittel erweitern die Schulmedizin. Aufbauend auf den bereits im Begleitstudium erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten lernen die Studierenden unter Supervision, wie integrative Medizin in der Praxis verwirklicht werden kann. Die Möglichkeiten und Grenzen der jeweiligen Verfahren werden konkret erfahrbar.

Vorteile

Die Idee der Ausbildungsstation beruht darauf, dass Studierende vieles mitbringen, wovon die Patienten profitieren können: Engagement, Interesse, Zeit, Enthusiasmus, Wissen uvm. In der ärztlich unterstützten Betreuung der Patienten können wiederum die Studierenden vieles lernen, was ihnen kein Buch, keine Vorlesung und keine Simulation bieten kann: das Erfassen der Notsituation eines realen Patienten, die Entwicklung einer ärztlichen Grundhaltung in Auseinandersetzung mit einem Patientenschicksal, die Bewältigung von organisatorischen Aufgaben im Stationsalltag, Zeitmanagement, die Kommunikation mit Pflegenden, Therapeuten, ärztlichen Kollegen sowie Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Dadurch wird das PJ zu einer optimalen Vorbereitung auf den späteren Berufsalltag, jedoch noch mit einem Fangnetz mittels der Supervison. Auch die Mitarbeiter profitieren durch die Zusammenarbeit und Kommunikation langfristig: Pflegekräfte sowie Therapeuten können den PJ-lern zu einer besseren Absprache, Zusammenarbeit, Teamgefühl und Kommunikation anleiten, als es sonst möglich wäre. Die Arbeitssituation wird zukünftig durch die vielen Alumni unter den Assistenzärzten erleichtert.

NRW-Lehrpreis

Medizinstudierende im Praktischen Jahr (PJ) lernen eigenständiges Arbeiten und reflektieren ihre Behandlungsmethoden. Das hat Studierenden in NRW gut gefallen. Die Ausbildungsstation der Universität Witten/Herdecke im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke ist daher mit dem NRW-Lehrpreis 2015 ausgezeichnet worden.

Beim landesweiten Treffen der medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen am Freitag, den 13.11.2015, wurde der mit 5.000 Euro dotierte Preis gleich zwei Mal vergeben: Die aus Medizinstudierenden verschiedener Universitäten bestehende Jury verlieh ihn drei Studierenden der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für ein rein studentisch geleitetes Sonographie-Projekt und eben der Universität Witten/Herdecke für unsere Ausbildungsstationen.